106.11.09|Bad Aibling|Bad Aibling|
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Freitag, der 13. - für Steffi und Klaus Preisig ein besonderer Tag, ihr Glückstag: Am Freitag, 13. Oktober 1989, starteten sie mit Sohn Marcel von Cottbus aus ihre Flucht aus der DDR. Die abenteuerliche Fahrt im blauen Trabi ging über Tschechien und Ungarn nach Österreich, bis sie wohlbehalten in der Bundesrepublik ankamen. Erster Anlaufpunkt waren Brieffreunde in Bad Feilnbach, bevor es sie nach Bruckmühl verschlug:

Mit einem blauen Trabi flüchteten Steffi und Klaus Preisig vor 20 Jahren aus der DDR.
Bruckmühl - Im Sommer 1989 fassten Steffi und Klaus Preisig den Entschluss: Flucht in die Bundesrepublik. "Wir hatten schon immer mit dem Gedanken gespielt, dann wurde es konkret", erinnert sich Steffi Preisig (46) im Gespräch mit unserer Zeitung.
Kontakt in den Westen hatten sie und ihr Mann über eine Brieffreundschaft - mit einem Ehepaar aus Kutterling (Bad Feilnbach). Die Freunde aus Bayern hatten die Familie Preisig - Sohn Marcel war damals sechs Jahre alt - noch im September in Berlin besucht. "Wir standen auf der Ostseite vor dem Brandenburger Tor und träumten vom Westen", so Steffi Preisig.
Wenige Wochen später sollte der Traum Realität werden: Für eine Hochzeit von Freunden in Rumänien erhielten die Preisigs ein Visum, konnten offiziell aus der DDR ausreisen. "An jenem Freitag holte ich morgens das Visum vom Amt, nach Feierabend fuhren wir los", so Steffi Preisig. Über ihre Fluchtpläne hatten sie zuvor mit niemandem gesprochen - aus gutem Grund: Klaus' Bruder war Jahre zuvor von einem Freund verpfiffen worden, musste ein Jahr im Gefängnis absitzen. "Meiner Mutter habe ich es erst eine Stunde vorher erzählt", so Klaus Preisig (59). Sie sei in Tränen ausgebrochen, habe die junge Familie abhalten wollen. "Ein mulmiges Gefühl hat man schon, aber wir hatten nun mal alles gepackt und mit dem Visum unsere Chance, die mussten wir einfach nutzen", blickt seine Frau zurück.
Das Abenteuer ging weiter: Auf der Fahrt durch Tschechien landeten die Preisigs auf einer unbeleuchteten Straße plötzlich im Graben - und eine ganze Horde hilfsbereiter Einheimischer, die wie aus dem Nichts erschien, nahm sich der Familie an. "Sie schleppten unseren Wagen ins nächste Dorf, wollten das Auto aber nur gegen D-Mark reparieren", so Klaus Preisig. "Wir hatten für den Start einzig 50 D-Mark und die knöpften sie ab."
Vor der ungarischen Grenze die nächste Hürde: Ein Jeep drängte den Trabi ab, zwang sie zum Anhalten. Die Männer, offenbar von der Stasi, versuchten, sie zum Umkehren zu bewegen - "doch wir sind einfach schnurstracks weitergefahren", so Steffi Preisig.
Über Eisenstadt führte die Flucht der jungen Familie nach Weiden/Oberpfalz, in ein Auffanglager. Von hier ging es weiter nach Augsburg und schließlich in die Nähe von Kempten, verbunden mit jeder Menge Formalitäten. Erst dann war es den Preisigs möglich, sich weiter zu den Freunden nach Bad Feilnbach durchzuschlagen - "diese Durchgangslager waren schlimm, wir wollten so schnell wie möglich weg", erinnert sich Steffi Preisig.
In Oberbayern hatte die junge Familie erneut großes Glück: Per Zeitungsanzeige kam das Ehepaar an die Hausmeisterstelle im Bruckmühler Arkadenhaus, Eigentümer Dr. Sebastian Garnreiter erklärte sich sogleich bereit, den Preisigs eine Chance zu geben - und ihnen auch eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Der junge Vater, ein gelernter Maurer und Maler, fand zudem einen Job bei einem Bruckmühler Bauunternehmen. Steffi Preisig half erst in der Wäscherei im Arkadenhaus mit, wechselte dann zur Firma Salus-Haus, da gelernte Laborantin.
"Mächtig gelitten" habe in der ersten Zeit allerdings Sohn Marcel: "Er war in Cottbus gerade in die erste Klasse gekommen, musste all seine Freunde zurücklassen", war auch seine Mutter über diesen Aspekt nicht glücklich. In der Bruckmühler Grundschule, in die er nach den Herbstferien nahtlos gewechselt war, sei er zudem sehr ablehnend empfangen worden. "Wir zählten immerhin zu den ersten Flüchtlingen aus der DDR in Bruckmühl, da waren viele skeptisch und Kinder können besonders grausam sein", erinnert sich Steffi Preisig.
Doch auch herzliche Begegnungen habe man gehabt: hupende und winkende Autofahrer, wenn man mit dem Trabi unterwegs war, und einmal sogar einen Blumenstrauß auf der Motorhaube: "Wir hatten in Rosenheim geparkt, als uns ein Geschäftsmann mit den Blumen und einer kurzen Nachricht einen Willkommensgruß hinterließ."
Auch heute noch, 20 Jahre nach der Flucht und dem wenig später folgenden Mauerfall - Steffi Preisig: "Wir saßen damals vor dem Fernseher und haben uns riesig gefreut, es war einfach unfassbar!" - ist die Familie glücklich über die Entscheidung, nach Bayern gekommen zu sein. "Keiner von uns kann es sich vorstellen, nach Cottbus zurückzugehen", betont Klaus Preisig - am allerwenigsten Sohn Marcel: Im Sportverein verankert (RSV Götting-Bruckmühl), ist Bruckmühl seine Heimat geworden. "Er liebt die Berge, er könnte es sich nicht vorstellen, anderswo zu leben", weiß seine Mutter. Nur sie selbst habe manchmal Heimweh - dann jedoch nach der Ostsee, an der sie aufgewachsen ist: "Das ist aber wohl ein Gefühl, das mit dem Alter kommt", schmunzelt sie. "Doch wir fahren ja jedes Jahr dorthin in Urlaub, was zum Glück durch den Mauerfall möglich geworden ist."
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